natura naturans

jan luyken

 

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hinein zu kommen.

Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.

Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder – alles ist neu, und doch immer das Alte.

Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.

Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich.

Sie lebt in lauter Kindern, und die Mütter, wo ist sie? – Sie ist die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoff zu den größten Kontrasten; ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung – zur genausten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen.

Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus.

Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sie’s für uns, die wir in der Ecke stehen.

Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt. Sie ist fest. Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.

Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Sie hat sich einen eigenen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann.

Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel und freut sich, je mehr man ihr abgewinnt. Sie treibt’s mit vielen so im Verborgenen, daß sie’s zu Ende spielt, ehe sie’s merken.

Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht.

Sie liebt sich selber und haftet ewig mit Augen und Herzen ohne Zahl an sich selbst. Sie hat sich auseinandergesetzt, um sich selbst zu genießen. Immer läßt sie neue Genießer erwachsen, unersättlich, sich mitzuteilen.

Sie freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und andern zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann. Wer ihr zutraulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz.

Ihre Kinder sind ohne Zahl. Keinem ist sie überall karg, aber sie hat Lieblinge, an die sie viel verschwendet und denen sie viel aufopfert. Ans Große hat sie ihren Schutz geknüpft.

Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen; die Bahn kennt sie.

Sie hat wenige Triebfedern, aber, nie abgenutzte, immer wirksam, immer mannigfaltig.

Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.

Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie macht ihn abhängig zur Erde, träg und schwer, und schüttelt ihn immer wieder auf.

Sie gibt Bedürfnisse, weil sie Bewegung liebt. Wunder, daß sie alle diese Bewegung mit so wenigem erreicht. Jedes Bedürfnis ist Wohltat; schnell befriedigt, schnell wieder erwachsend. Gibt, sie eins mehr, so ist’s ein neuer Quell der Lust; aber sie kommt bald ins Gleichgewicht.

Sie setzt alle Augenblicke zum längsten Lauf an, und ist alle Augenblicke am Ziele.

Sie ist die Eitelkeit selbst, aber nicht für uns, denen sie sich zur größten Wichtigkeit gemacht hat.

Sie läßt jedes Kind an sich künsteln, jeden Toren über sich richten, Tausende stumpf über sich hingehen und nichts sehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung.

Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt nüt ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.

Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat, denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumet, daß man sie verlange; sie eilet, daß man sie nicht satt werde.

Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht.

Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles will sich verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen- zuziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.

Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still.

Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, und am besten ist’s, ihre List nicht zu merken.

Sie ist ganz, und doch immer unvollendet. So wie sie’s treibt, kann sie’s immer treiben.

Jedem erscheint sie in einer eignen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen, und ist immer dieselbe.

Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.

 

urspruenglich goethe zugeschrieben, wahrscheinlich aber von georg christoph tobler

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wappen

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annaeherung

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der weltdrache

 zeichnung von theodoros pelecanos aus „synosius“

 

Hierauf ließ sich Salomon mit Schahruch, dem Könige der Dschinnen, in Gespräch ein, und ließ sich von seinen Reisen erzählen, die er als Begleiter eines der voradamischen Salomone gemacht hatte. Schahruch erzählte von den Sphären des Feuers, des Wassers und der Luft, von den sieben Erden und den sieben Meeren, die er durchreiset hatte, und endlich von dem das ganze Universum umfassenden alten Weltdrachen, der die großen Revolutionen der Natur bewirkt.

Er hat sieben hohle Zähne, und diese Zahnhöhlen sind die sieben Höllen. Siebenmalhunderttausend Flügel aus biegsamen Edelsteinen streckt er ins Unendliche; auf der Feder eines jeden Flügels steht ein Engel mit feuriger Lanze, die alle zusammen Gott loben und preisen. Alle siebenmalhunderttausend Jahre sagt der Drache: Gott ist groß, und Lob sey Gott; dies sind die Jubeljahre der Welt. Wenn er ausathmet, speyt er die sieben Höllen aus, und bringt jene großen physischen und politischen Revolutionen hervor, welche die Oberfläche des Erdballs umkehren. Wenn er einathmet, wird Ruhe und Ordnung wieder hergestellt. Die Sterne sind die Schuppen seiner Haut, und sein Schweif ist das Chaos. Alles, was da ist, umschlingt er in sich selbst verschlungen, ein Bild der Unendlichkeit, oder die Unendlichkeit selbst. Die Aegypter haben die Natur als ein Weib vorgestellt, das in der Stellung vierfüßiger Thiere die Welt umfaßt. Daher heißt der alte Drache bald ein Weib, und bald die Welt. Schwer ists zwar, dem Bilde des Weltdrachen Haltung zu geben in der Einbildungskraft, aber bey der Unmöglichkeit, die unendliche Ausdehnung des Weltsystems, oder jenseits desselben das Nichts zu begreifen, ist nicht weniger schwer, ohne Einbildungskraft die Wahrheit durch die bloße Vernunft auffinden zu wollen.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Joseph Freiherr von: Rosenöl. Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1813, S. 257 ff.
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jahresausklang

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his golden messenger ‚father sky

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thinguma*jigSaw ‚what does remain‘

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das grosse biest

pessoa crowley

das leben fernado pessoas hat sich nicht sehr von dem seines heteronyms bernardo soares unterschieden. es war arm an handlung, bot wenig aufregung und verlief abseits von jedem abenteuer. mit ausnahme des september 1930: der an okkultismus, astrologie und magie interesseierte schriftsteller stand kurzzeitig im mittelpunkt der internationalen boulevardpresse. er wurde verdaechtigt etwas mit dem verschwinden des beruehmten satanisten und scharlatans aleister crowley (bild) zu tun gehabt zu haben. oder sollte pessoa diesen sogar ermordet haben?

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steffen dix hat den briefwechsel zwischen crowley und pessoa zusammen mit allen texten, in denen sich pessoa selbst mit dem fall beschaeftigt hat, nun unter dem titel ‚boca do inferno: aleister crowleys verschwinden in portugal‘ herausgegeben und kommentiert. obwohl dix eigene beitraege teilweise etwas flapsing formuliert sind, ist auch dieser band der deutschen pessoa gesamtausgabe hervorragend editiert und uebersetzt. ein gespraech mit dem herausgeber gibt es hier.

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nur fort

michaux

er reist gegen…um die heimat in ihm auszuteiben, seine bindungen aller art und was sich in ihm wider seinen willen an griechischer, roemischer oder germanischer kultur oder an belgischen gewohnheiten angelegt hatte. reisen, um heimatlos zu werden

henri michaux, 1959

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wunschzettel

wiese

die hoelderlin-edition von harald bergmann: hier

gespraech mit bergmann: hier

ICH HEISSE SCARDANELLI!

pudel

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tradition

rexroth

kenneth rexroth in: the beats

 

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the green fuse

renger-patzsch samenkapsel

 

The force that through the green fuse drives the flower
Drives my green age; that blasts the roots of trees
Is my destroyer.
And I am dumb to tell the crooked rose
My youth is bent by the same wintry fever.

The force that drives the water through the rocks
Drives my red blood; that dries the mouthing streams
Turns mine to wax.
And I am dumb to mouth unto my veins
How at the mountain spring the same mouth sucks.

The hand that whirls the water in the pool
Stirs the quicksand; that ropes the blowing wind
Hauls my shroud sail.
And I am dumb to tell the hanging man
How of my clay is made the hangman’s lime.

The lips of time leech to the fountain head;
Love drips and gathers, but the fallen blood
Shall calm her sores.
And I am dumb to tell a weather’s wind
How time has ticked a heaven round the stars.

And I am dumb to tell the lover’s tomb
How at my sheet goes the same crooked worm.


by dylan thomas himself

 

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