’schliess aug und ohr fuer eine weil‘

friedrich gundolf (* 20. juni 1880 in darmstadt; † 12. juli 1931 in heidelberg), der eigentlich friedrich leopold gundelfinger hiess, gehoerte zu seiner lebenszeit zu den einflussreichsten und bekanntesten germanisten deutschlands. sogar der spaetere propagandaminister joseph goebbels soll bei ihm, dem juden, zu promovieren geplant haben. auch wenn ihn der ‚meister‘ spaeter verstossen hat, ist gundolfs gesamtes werk von seiner zugehoerigkeit zum georgekreis gepraegt. seine literaturwissenschaftlichen werke, die zu der fuer dieses umfeld typischen ‚verehrungsgermanistik‘ zaehlen, sind heute schwer lesbar (vielleicht mit ausnahme seiner shakespearuebersetzungen) und auch ein grossteil seiner dichtungen, welche bestenfalls epigonalen charakter hat, ist nicht ganz zu unrecht weitestgehend unbekannt geblieben.

doch lohnt es sich aus mehreren gruenden die spur eines seiner gedichte zu verfolgen. nicht nur, weil dieses zu seinen besseren texten gehoert, sondern auch, weil seine rezeptionsgeschichte so ueberaus interessant und zeittypisch ist. gemeint ist das gedicht ’schliess aug und ohr fuer eine weil‘. es lautet:

schließ aug und ohr für eine weil
vor dem getoes der zeit.
du heilst es nicht und hast kein heil
als wo dein herz sich weit´

dein amt ist hueten, harren, sehen
im tag die ewigkeit.
so bist du schon im weltgeschehen
befangen und befreit.

die stunde kommt da man dich braucht
da sei du ganz bereit
und in das feuer das verraucht
wirf dich als letztes scheit

an duktus, orthographie und wortwahl erkennt man sofort die naehe zum werk georges, auch wenn die eingaenigkeit des ganzen hierin wohl nur mit dessen spaetern gedichten (‚das neue reich‘) zu vergleichen ist. der inhalt mag vielleicht, um es mit adorno und freud zu sagen, ‚regressiv‘ wirken: die aufforderung sich ‚als letztes scheit‘ in das ‚feuer das verraucht‘ zu werfen, erinnert fast an die propagierte todessehnsucht, die aus der faschistischen aesthetik bekannt ist, etwa dem ‚viva la muerte‘ der spanischen falangisten. es sei aber daran erinnert, dass sich solche stellen auch schon bei hoelderlin oder etwa in goethes ’stirb und werde‘ finden.
hauptaechlich ist jedoch zu beachten, dass der ton des gedichtes in und zu einer zeit gehoert, in der ’selbstaufgabe‘ und ‚opfer‘ aus fast allen politischen und kuentlerischen richtungen gefordert wurde.

wenn in den ersten beiden strophen dieser ‚zeit‘ mit ihrem verachteten ‚getoese‘ eine absage erteilt wird, bleibt das ganze jedoch gerade mit seiner zivilisationskritik typisch fuer die erste haelfte des 20. jahrhunderts. das ‚hueten harren sehn‘ der zweiten strophe, jenes elitaere ‚amt‘ der auserwaehlten, soll nur auf zeit bestand haben, bis sich der angesprochene (‚die stunde kommt‘) fuer einer besseren zukunft opfern kann.

trotz seiner herkunft aus einer vergangenen epoche und allem begruendeten rationalen widerstaenden gegen den inhalt, kann dem gedicht – bei erster lekuere – auch heute noch eine gewisse anziehungskraft nicht abgesprochen werden. wenn man aber den historischen kontext hinzuzieht, verliert der text seine unschuld: was hier vielleicht noch romantischer trieb zum absoluten war, wurde spaeter zur blutigen realtitaet. mit den nationalsozialisten begann die herrschaft des thanatos, aus romantischem geist und ‚blauer blume‘ wurde geplanter terror und industrialisierter massenmord. der antirationale und zivilisationsfeindliche zeitgeist wurde zum sehr realen ‚deutschen reich‘.

gundolf starb zwei jahre von der machtuebernahme der nazis. er musste daher nicht mehr miterleben, wie sein einstiger ’schueler‘ goebbels seinen anteil am ‚deutschen geist‘ vernichtete und pervertierte. auch die kenntnis um die bewusst unbestimmt gehaltenen aussagen seines eigenen meisters george zum zeitgeschehen und das mitansehen wie einige aus dem kreis fuer hitler partei ergriffen, blieb ihm erspart. gundolf musste sich auch nicht mehr die frage stellen, ob er mit seinem werk den untergang der republik und den aufstieg des gegengeistes vorzubereiten geholfen hatte.

schon ein jahr nach seinem tode erschienen im guenther wolff verlag die ‚lieder der sued-legion‘. dieses -spaeter von den nationalsozialisten verbotene liederbuch- enthielt 21 lieder, darunter auch eine in noten gesetzte version von gundolfs gedicht. schon vorher war es in der zeitschrift „jugendland“ (ebenfalls wolff-verlag) abgedruckt worden, fand aber erst durch diese liedersammlung seine grosse verbreitung in der jugendbewegung.

die ’suedlegion‘ war ein sehr kleiner, aber einflussreicher bund, welcher sich aus der ‚ringgemeinschaft deutscher pfadfinder‘ abgespalten hatte und dessen fuehrender kopf der arzt rudi pallas (1907–1952) war.  auch der wegen regimekritischer aeusserungen 1944 hingerichtete marineoffizier oskar kusch stammte aus diesem kreis. anders als andere buende aus der jugendbewegung, waren soldatentum und unbedingte haerte nicht die ideale der suedlegion. man beschaeftigte sich mit humanistischer philosophie und dichtung, vertrat ein ’suedliches ideal‘ und sang die volkslieder anderer, manchmal vorher bereister laender. die geistige naehe zum georgekreises ist hiermit angedeutet.

nun ist es eine tatsache, dass sich ein grossteil der buendischen jugend spaeter relativ widerstandlos in die hj eingliedern liess. dennoch haben nicht zuletzt die arbeiten von arno kloenne und walter laqueur gezeigt, dass auch ein guter teil der jugendbewegung in opposition zum hitlerstaat stand und diesen zum teil sogar bekaempfte. rudi pallas jedenfalls war kein nationalsozialist. zum einen widersprach dessen dumpfes deutschtum seiner weltanschauung, zum anderen musste er als homosexueller waehrend der naziherrschaft um sein leben fuerchten. so mussten auch seine versuche der unterwanderung der hj und des weiterfuehrens der nun illegal gewordenen suedlegion scheitern. pallas wurde 1937 festgenommen und im kz sachsenhausen mit dem ‚rosa winkel‚ gebranntmarkt. 1940 wurde er zur ‚frontbewaehrung‘ nach stalingrad geschickt, kam dort in russische gefangenschaft und arbeitete von da mit dem kommunistischen ‚nationalkomitee freies deutschland‚ zusammen. aus der haft entlassen und als ‚opfer des faschismus‘ anerkannt, versuchte er von westberlin aus seine kontakte zu buendischen kreisen wiederherzustellen. doch er verzweifelte immer staerker an der ihn enttaeuschenden nachkriegszeit und nahm sich, wohl auch aufgrund einer als licht gekommenen beziehung zu einem minderjaehrigen, 1952 das leben.

die ‚lieder der suedlegion‘ blieben jedoch durch die nazizeit hindurch eines der wichtigsten referenzen der oppositionellen buende. hierbei entwickelte auch gundolfs gedicht ein eigenleben und wurde zu einer art be- und gesinnungslied. interessant ist, dass es bis heute hauptsaechlich unter dem titel ‚lied der weissen rose‘ bekannt ist. in katholischen kreisen der jugendbewegung soll es so beliebt gewesen sein, dass willi graf, der ein leiter des ‚grauen ordens‚ war, es mit in den widerstandskreis um sophie scholl brachte.

sowohl aus dem georgekreis, als auch aus der buendische bewegung kamen befuerworter und gegner des nationalsozialismus. die nazis selbst konnten bestimmte schlagworte und ideen aus beiden sowohl ge-, als auch missbrauchen. rudi pallas hat spaeter klar gesehen, dass die jugendbewegung zum grossen teil blind fuer das war, was spaeter mit ihr geschah. vielleicht hatten viele hier laenger als eine ‚weil‘ ‚augen und ohren‘ verschlossen. gundolfs gedicht ist in seiner aussage genau so unbestimmt wie einige leitgedanken der (fruehen) jungendbewegung. es bleibt offen, wofuer sich der im gedicht angesprochene ‚opfern‘ soll: fuer das reale deutschland, oder das ‚geheime‘, fuer ein menschenverachtendes system, oder fuer den kampf dagegen. die mitglieder der weissen rose hatten sich fuer eine lesart entschieden.

’schliess aug und ohr fuer eine weil‘ wird noch heute  unter denbuendischen‘ gesungen. im internet finder man eine version des liedes mit russischer teiluebersetzung (link). in diesem sinne scheint die weltoffenheit -die einen teil der jugendbewegung und einen teil des georgischen werkes ausmachte- lebendig geblieben zu sein.

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