europa und die anderen

 

pour andré m, le voyageur

„die gefaehrlichste aller weltanschauungen ist die weltanschauung der leute, welche die welt nicht angeschaut haben“ so soll einst der weitgereiste alexander von humboldt ueber den zu hause gebliebenen georg wilhelm hegel geurteilt haben. wenn man sich den bloedsinn durchliest, den hegel in seinen welterklaerungsbuechern ueber die asiaten und afrikaner geschrieben hat, muss man humboldt hier durchaus zustimmen. alles was der philosophierende schwabe vom ‚weltgeist‘ wusste, erfuhr er hauptsaechlich im selbstgespraech an seinem schreibtisch (und es gab damals noch nicht einmal das internet).

dennoch kann der umkehrschluss des satzes auch zu einem trugschluss werden: nicht jeder der sich aufmachte die welt zu erkunden, kam weise und ‚weltoffen‘ nach hause zurueck. so macher verliess heim und herd mit einem brett vor dem kopf und kehrte -nach jahren der wanderung- mit dem selben wieder ein -ohne tatsaechlich etwas anderes gesehen zu haben. gerade die ethnologen, die man frueher ‚voelkerkundler‘ nannte, schreiben nach ihren feldforschungen oft nur noch ueber sich selbst. der ‚andere‘, dem man doch eigentlich begegnen wollte, wird dabei zu eine art negativer spiegel. im schlimmsten fall sind diese reisenden im ausland einem kulturschock ausgesetzt, der bei ihrer rueckkehr zu einer krampfhaften suche nach dem ‚eigenen‘ ausartet. die identitaere bindung tribaler gruppen wird etwa als so eng erfahren, dass ihnen die eigene, westliche welt dagegen schwach und gefaehrdet erscheint. ein beispiel dafuer sind etwa der ethnologe thomas bargatzky, der heute gerne mal in rechtslastigen zeitungen publiziert oder der journalist und islamhasser udo ulfkotte, der nach seinen aufenthalten in islamischen laendern (bei denen er fast konvertiert waere), zum selbsternannten retter des abendlandes wurde.

nun ist die binsenweisheit des: das eigene (identitaet) definiert sich nur durch das andere (alteritaet), nicht nur die hauptthese fast aller jaehrlich erscheinenden kulturwissenschaftlichen arbeiten zu diesem thema, sie ist auch durchaus ernst zu nehmen. so wird es zum beispiel unser ‚europa‘ nur so lange geben koennen, so lange es sich gegen ein ‚asien‘ (was auch immer damit gemeint ist) abgrenzt. dieses gesetz gilt nicht erst seit der griechischen antike.

der franzoesische philosophiegeschichtler rémi brague hat in seinem schoenen buch „europe, la voie romaine“  das wesen europas als ‚exzentrische identitaet‘ beschrieben. brague, der hauptsaechlich arabische philosophie lehrt, hat die beschaeftigung mit dem ‚fremden‘ zwar auch auf die frage nach dem ‚eigenen‘ gefuehrt, doch hat er dieses gerade nicht in der mauer gefunden, die es von jenem trennt. die eigene identitaet ist bei ihm -obwohl er sie hauptsaechlich am ‚roemischen‘ festzumachen versucht- offen und durchlaessig (auch zum fiktiven hin) geblieben. der vielleicht schoenste absatzt seines buches, der sehr an manche der ueberlegungen hoelderlins und heideggers erinnert, sei hier zitiert:

„die europaische kultur ihrereseits ist in ihrer gesamtheit vom besterben gepraegt, zu einer vergangenheit zu gelangen, die nie ihre eigene gewesen war, von der es jedoch einen nicht wieder rueckgaengig zu machenden abfall, eine schmerzlich empfundene entfremdung gegeben hatte. wir brauchen uns hier nicht darueber aufzuhalten, wie kuenstlich diese sicht der vergangenheit ist. ich verkenne auch nicht, dass alles, was von der antiken kultur zu uns gelangte, das ergebnis der selektionsarbeit aus alexandrinischer zeit ist, und dass das bild, das wir uns von ihr im ganzen machen, im allgemeinen ausschliesslich von den meisterwerken ausgeht, in der annahme, die ‚antike welt‘ befinde sich durchweg auf diesem niveau. ausschlaggebend, so scheint mir, bleibt jedoch das bewusstsein, zu-spaet-gekommen zu sein und zu einer quelle zurueckgehen zu muessen, an der wir nie waren. dieses bewusstsein hat eine verschiebung der kulturellen identitaet europas zu folge, und zwar so sehr, dass europa keine andere als eine exzentrische identitaet hat.“

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