psychonauten II

 

albert hofmann (1906-2008), der entdecker des lsd, war alles andere als ein guru. als in den 60. jahren der selbsternannte hippieprophet timothy leary den freien drogengebrauch propagierte, mahnte hofmann zur vorsicht. doch hofmann war nicht nur ein nuechterner und verantwortungsbewusster wissenschaftler. im folgenden brief, den er an seinen freund ernst juenger schrieb, wird deutlich, dass er auch andere arten der welterklaerung gelten lies:

„Bottmingen, 16. Dezember 1961

 
Einerseits hätte ich große Lust, neben der naturwissenschaftlichen,
chemisch-pharmakologischen Bearbeitung der halluzinogenen
Wirkstoffe ihre Anwendung als magische Drogen in anderen
Bereichen selber auch weiter zu erforschen …
Andererseits muß ich gestehen, daß mich die grundsätzliche Frage
sehr beschäftigt, ob die Verwendung dieser Art von Drogen, also von
Stoffen, die so tief eingreifen, nicht schon eine unerlaubte
Grenzüberschreitung darstellen könnte. Solange unserem Erleben
durch irgendwelche Mittel oder Methoden nur ein zusätzlicher neuer Aspekt der Wirklichkeit geboten wird, ist gegen solche Mittel
sicher nichts einzuwenden; im Gegenteil, das Erleben und die
Kenntnis von weiteren Facetten der Wirklichkeit machen uns diese
nur immer wirklicher. Es besteht aber die Frage, ob durch die hier zur
Diskussion stehenden, sehr tief eingreifenden Drogen tatsächlich nur
ein zusätzliches Fenster für unsere Sinne und Empfindungen geöffnet
wird oder ob der Betrachter selbst, sein Wesenskern, Veränderungen
erfährt. Letzteres würde bedeuten, daß etwas verändert wird, das nach
meiner Meinung stets unversehrt bleiben sollte. Mein Anliegen läuft
auf die Frage hinaus, ob unser innerster Wesenskern tatsächlich
unangreifbar ist und nicht beschädigt werden kann durch das, was sich
in seinen materiellen, physikalisch-chemischen, biologischen und
psychischen Schalen abspielt — oder ob die Materie in Form dieser
Drogen eine Potenz entfaltet, die das geistige Zentrum der
Persönlichkeit, das Selbst anzugreifen vermag. Das letztere wäre so zu
erklären, daß die Wirkung magischer Drogen an einer Grenzfläche
stattfindet, an der Materie und Geist ineinander übergehen — daß
diese magischen Substanzen selbst Bruchstellen sind im unendlichen
Reich des Materiellen, an denen die Tiefe der Materie, ihre
Verwandtschaft mit dem Geist, ganz besonders offenbar wird. Das
könnte in Abwandlung der bekannten Goethe-Worte so ausgedrückt
werden:

 
Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt‘ es nie erblicken;
Wär‘ nicht im Stoff des Geistes Kraft,
Wie könnte Stoff den Geist verrücken.

 
Das würde Bruchstellen entsprechen, die radioaktive Stoffe im
periodischen System der Elemente bilden, wo der Übergang der
Materie in Energie manifest wird. Auch bei der Nutzung der
Atomenergie stellt sich ja die Frage einer unerlaubten
Grenzüberschreitung. Ein weiterer beunruhigender Gedanke, der sich aus der
Beeinflußbarkeit höchster geistiger Funktionen durch Spuren einer
Substanz ergibt, betrifft die Willensfreiheit.
Die hochaktiven psychotropen Wirkstoffe wie LSD und Psilocybin
besitzen in ihrem chemischen Bau eine sehr nahe Verwandtschaft mit
körpereigenen Substanzen, die im Zentralnervensystem vorkommen
und bei der Regulation seiner Funktionen eine wichtige Rolle spielen.
Es ist also denkbar, daß durch irgendeine Störung im Stoffwechsel
anstelle des normalen Neurohormons eine Verbindung von der Art des
LSD oder Psilocybins gebildet wird, die den Charakter der
Persönlichkeit, ihr Weltbild und ihr Handeln verändern und
bestimmen kann. Eine Spur eines Stoffes, über dessen Entstehung
oder Nichtentstehung wir mit unserem Willen nicht befinden können,
vermag unser Schicksal zu formen. Solche biochemischen
Überlegungen könnten zu dem Satz geführt haben, den Gottfried Benn
in seinem Essay >Provoziertes Leben< zitiert: Gott ist eine Substanz,
eine Droge!
Umgekehrt ist erwiesen, daß sich durch Gedanken und Gefühle in
unserem Organismus Stoffe bilden oder freigesetzt werden, wie zum
Beispiel Adrenalin, die ihrerseits wieder die Funktionen des
Nervensystems bestimmen. Man darf also annehmen, daß im gleichen
Maße, wie unser geistiges Wesen durch unseren Chemismus, unser
stofflicher Organismus durch unseren Geist beeinflußbar ist und
geformt wird. Was das Primäre ist, wird wohl ebensowenig jemals
entschieden werden können wie die Frage, ob zuerst das Küken oder
das Ei da war.
Trotz meiner Unsicherheit bezüglich der grundsätzlichen Gefahren,
die in der Anwendung halluzinogener Stoffe liegen könnten, habe ich
die Untersuchungen über die aktiven Prinzipien der mexikanischen
Zauberwinde, von denen ich Ihnen schon einmal kurz schrieb,
weitergeführt. In den Samen dieser Winde, die bei den alten Azteken
als »Ololiuqui« bezeichnet wurden, fanden wir als Wirkstoffe
Lysergsäure-Derivate, chemisch ganz nah verwandt dem LSD. Das war ein fast unglaublicher Befund. Für die
Winden habe ich seit jeher eine besondere Liebe gehabt. Es waren die
ersten Blumen, die ich in meinem Kindergärtchen selbst gezogen
habe. Ihre blauen und roten Kelche gehören zu meinen ersten
Kindheitserinnerungen.
Kürzlich las ich in einer Schrift von D. T. Suzuki über >Zen und die
Kultur Japans<, daß dort die Winde bei den Blumenliebhabern, in der
Literatur und in der bildenden Kunst eine große Rolle spielt. Ihre
flüchtige Pracht hat der japanischen Phantasie reiche Anregung
gegeben. Suzuki zitiert unter anderem einen Dreizeiler der Dichterin
Chiyo (1702—1775), die einmal an einem Morgen ins Nachbarhaus
Wasser holen ging, denn …

 

Mein Trog ist gefangen
von einer Windenblüte,
So bitt‘ ich um Wasser.

 
Die Winde zeigt also die beiden möglichen Wege der Beeinflussung
des Geist-Körper-Wesens Mensch: In Mexiko entfaltet sie ihre
Wirkungen auf dem chemischen Weg als Zauberdroge, in Japan wirkt
sie von der geistigen Seite her durch die Schönheit ihrer Blütenkelche.“

 

quelle: lsd – mein sorgenkind. klett-cotta, stuttgart 1979.

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