psychonauten I

 

der schweizer rudolf gelpke (1928-1972) war nicht nur ein bekannter islamwissenschaftler und uebersetzer aus dem persischen, sondern auch, neben huxley, hofmann und juenger, einer der ersten psychonauten des 20. jahrhunderts. ueber die wirkung halluzinogener drogen ist zwar schon vorher (etwa von poe oder baudelaire) geschrieben worden, doch konnte gelpke -der ein freund des lsd-entdeckers albert hofmann war- als einer der ersten ueber seine erlebnise mit ‚lysergsäurediethylamid‘ berichten. der folgende text erschien zuerst in der von ernst juenger und mircea eliade herausgegebenen zeitschrift ‚antaios‘

 

„Tanz der Seelen im Wind

 
(0,075 mg LSD am 23. Juni 1961, dreizehn Uhr)

 
Nachdem ich diese Dosis, die als durchschnittlich gelten kann,
eingenommen hatte, unterhielt ich mich bis gegen vierzehn Uhr sehr
angeregt mit einem Fachkollegen. Anschließend begab ich mich allein
in die Buchhandlung Werthmüller (in Basel), wo nun die Droge
deutlich zu wirken begann. Ich erkannte das vor allem daran, daß mir
der Inhalt der Bücher, in denen ich im Hintergrund des Ladens
ungestört stöberte, gleichgültig wurde, während zufällige Einzelheiten
meiner Umgebung plötzlich stark hervortraten und irgendwie »bedeutend« zu sein schienen… Schon nach etwa zehn Minuten entdeckte
mich ein mir bekanntes Ehepaar, und ich mußte mich von ihm in ein
Gespräch verwickeln lassen, was mir zwar keineswegs angenehm,
aber auch nicht eigentlich peinlich war. Ich hörte der Unterhaltung zu
(auch mir selbst) wie von »weit weg«. Die Dinge, über die geredet
wurde (es handelte sich um persische Erzählungen, die ich übersetzt
hatte), gehörten »einer anderen Welt« an: einer Welt, über die ich
mich wohl äußern konnte (hatte ich sie doch vor kurzem noch selbst
bewohnt und erinnerte mich ihrer »Spielregeln«!), zu der ich aber
keinerlei gefühlsmäßige Beziehung mehr besaß. Mein Interesse für sie war erloschen — nur durfte ich mir das nicht anmerken lassen.
Nachdem es mir gelungen war, mich zu verabschieden, schlenderte
ich weiter durch die Stadt und zum Marktplatz. Ich hatte keine
»Visionen«, sah und hörte alles wie sonst, und doch war alles auch auf
eine unbeschreibliche Art verändert; »unsichtbare gläserne Wände«
überall. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurde ich automatenhafter.
Besonders fiel mir auf, daß ich die Herrschaft über meine
Gesichtsmuskulatur immer mehr zu verlieren schien — ich war
überzeugt davon, daß mein Gesicht völlig ausdruckslos, leer, schlaff
und maskenhaft erstarrt war. Ich konnte nur noch gehen und mich
bewegen, weil ich mich erinnerte, daß und wie ich »früher« gegangen war und mich
bewegt hatte. Aber je weiter die Erinnerung zurücklag, um so
unsicherer wurde ich. Ich entsinne mich, daß mir meine eigenen
Hände irgendwie im Wege waren: ich steckte sie in die Tasche, ließ
sie baumeln, verschränkte sie auf dem Rücken … wie lästige Objekte,
die man mit sich herumschleppen muß und nicht recht zu verstauen
weiß. Mit meinem ganzen Körper erging es mir so. Ich wußte nicht
mehr, wozu er da war, und nicht mehr, wohin ich mit ihm sollte. Der
Sinn für Entscheidungen jeder Art war mir abhanden gekommen, und
ich mußte sie erst mühsam auf dem Umweg über die »Erinnerung an
früher« rekonstruieren, so auch die kurze Strecke vom Marktplatz zu
meiner Wohnung, wo ich um zehn Minuten nach fünzehn Uhr wieder
eintraf.
Ich hatte bisher keineswegs das Gefühl gehabt, berauscht zu sein. Was
ich erlebte, war vielmehr ein allmähliches geistiges Absterben. Es hat
nichts Schreckliches an sich; aber ich kann mir denken, daß sich in der
Übergangsphase zu gewissen Geisteskrankheiten — natürlich auf
größere Zeiträume verteilt — ein ganz ähnlicher Prozeß abspielt:
Solange die Erinnerung an die einstige eigene Existenz in der
Menschenwelt noch vorhanden ist, kann sich der beziehungslos
gewordene Kranke in ihr noch (einigermaßen) zurechtfinden; später verliert er die Fähigkeit völlig.
Kurz nachdem ich mein Zimmer betreten hatte, wich die »gläserne
Dumpfheit«. Ich setzte mich mit Blick auf eines der Fenster und war
sofort gebannt: Die Fensterflügel waren weit geöffnet, die
durchsichtigen Gazevorhänge dagegen zugezogen, und nun spielte ein
leichter Wind von draußen mit diesen Schleiern und mit den
Schattenbildern der Topfpflanzen und Blattranken auf dem Sims
dahinter, die das Sonnenlicht auf die in der Brise atmenden Vorhänge
malte. Dieses Schauspiel nahm mich völlig gefangen. Ich »versank«
in ihm, sah nur noch dieses sanfte und unaufhörliche Wogen und Wiegen der Pflanzenschatten in Sonne und Wind. Ich wußte, was »es« war, aber ich suchte nach dem
Namen dafür, nach der Formel, nach dem »Zauberwort«, das ich
kannte — und da hatte ich es auch schon: Totentanz, Tanz der
Seelen… Das war es, was der Wind und das Licht mir zeigten auf dem
Schleier der Gaze. War es furchtbar? Hatte ich Angst? Vielleicht —
zuerst. Aber dann zog eine große Heiterkeit in mich ein, und ich hörte
die Musik der Stille, und auch meine Seele tanzte mit den erlösten
Schatten zur Flöte des Windes. Ja, ich begriff: Dies ist der Vorhang —
und er selbst, dieser Vorhang, ist dieses Geheimnnis, das »letzte«, das
er verbirgt. Warum also ihn zerreißen? Wer das tut, zerreißt nur sich
selbst. Denn »dahinter«, hinter dem Vorhang, ist »nichts«…“

im unterschied zu den ‚drogentexten‚ juengers, verzichtet gelpke weitestgehend auf metaphysische spekulationen. sein bericht ist nuechtern und selbst der letzte teil wirkt eher ‚erlebt‘ als spekulativ. waehrend der platoniker juenger die ‚eigentliche welt‘ hinter dem vorhang der ‚wirklichkeit‘ vermutete, erlebt gelpke, wie es im faust heisst, „der gottheit lebendiges kleid“ als alles was wir haben und als alles was uns zukommt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s