mensch und drud

‚aber was ist natur fuer uns? eine vernuenftige sorge wegen der katastrophen, die sie und uns bedrohen, steht neben dem liebaeugeln mit einer unverseuchten, reinen natur, einer bewundernswerten idyllischen schoenheit. die poetische, die goettliche erhabenheit der natur ist heute ein element, dass synkretistisch dazu verwandt wird, das neue kitschbild der natur abzugeben, dem kitsch nachgebildet, der unsere kultur zur gaenze ist.

aber die alten, die mit der natur in beruehrung kamen durch finsternis und licht, koerperliche arbeit und tiere, kaelte und hitze, hunger und durst, nahmen die natur wahr mit ehrerbietiger furcht, mit banger verehrung, mit heiliger angst vor dem majestaetischen, unerforschlichen geheimnis ihrer ueberweltigenden kraft, in der leben und tod, ordnung und gewaltsamkeit sich endlos abwechseln und vermischen.

wir hingegen versuchen voll guten willens, die natur mit einem sinn aufzuladen, den sie fuer uns im grunde nicht mehr hat, von dem wir uns irgendwie wuenschen, sie haette ihn noch, damit wir diesem nichts entkaemen; doch wenn sie ihn haette, koennten wir ihn nicht ertragen‘  sergio quinzio

 

DER MENSCH UND DER DRUD

von stefan george


 

Der Mensch

 

Das enge bachbett sperrt ein wasserfall

Doch wer hängt das behaarte bein herab

Von dieses felsens träufelnd fettem moos?

Aus buschig krausem kopfe lugt ein horn ..

So weit ich schon in waldgebirgen jagte

Traf ich doch seinesgleichen nie … Bleib still

Der weg ist dir verlegt · verbirg auch nichts!

Aus klarer welle schaut ein ziegenfuss.

 

Der Drud

 

Nicht dich noch mich wird freun dass du mich fandst.

 

 Der Mensch

 

Ich wusste wol von dir verwandtem volk

Aus vorzeitlicher märe – nicht dass heut

So nutzlos hässlich ungetüm noch lebt.

 

Der Drud

 

Wenn du den lezten meiner art vertriebst

Spähst du vergeblich aus nach edlem wild

Dir bleibt als beute nager und gewürm

Und wenn ins lezte dickicht du gebrochen

Vertrocknet bald dein nötigstes: der quell.

 

Der Mensch

 

Du ein weit niedrer lehrst mich? Unser geist

Hat hyder riese drache greif erlegt

Den unfruchtbaren hochwald ausgerodet

Wo sümpfe standen wogt das ährenfeld

Im saftigen grün äst unser zahmes rind

Gehöfte städte blühn und helle gärten

Und forst ist noch genug für hirsch und reh –

Die schätze hoben wir von see und grund

Zum himmel rufen steine unsre siege ..

Was willst du überbleibsel grauser wildnis?

Das licht die ordnung folgen unsrer spur.

 

Der Drud

 

Du bist nur mensch .. wo deine weisheit endet

Beginnt die unsre · du merkst erst den rand

Wo du gebüsst hast für den übertritt.

Wenn dein getreide reift dein vieh gedeiht

Die heiligen bäume öl und trauben geben

Wähnst du dies käme nur durch deine list.

Die erden die in dumpfer urnacht atmen

Verwesen nimmer · sind sie je gefügt

Zergehn sie wenn ein glied dem ring entfällt.

Zur rechten weile ist dein walten gut ·

Nun eil zurück! du hast den Drud gesehn.

Dein schlimmstes weisst du selbst nicht: wenn dein sinn

Der vieles kann in wolken sich verfängt

Das band zerrissen hat mit tier und scholle –

Ekel und lust getrieb und einerlei

Und staub und strahl und sterben und entstehn

Nicht mehr im gang der dinge fassen kann.

 

Der Mensch

 

Wer sagt dir so? dies sei der götter sorge.

 

Der Drud

 

Wir reden nie von ihnen · doch ihr toren

Meint dass sie selbst euch helfen. Unvermittelt

Sind sie euch nie genaht. Du wirst du stirbst –

Wess wahr geschöpf du bist erfährst du nie.

 

Der Mensch

 

Bald ist kein raum mehr für dein zuchtlos spiel.

 

Der Drud

 

Bald rufst du drinnen den du draussen schmähst.

 

Der Mensch

 

Du giftiger unhold mit dem schiefen mund

Trotz deiner missgestalt bist du der unsren

Zu nah · sonst träfe jezt dich mein geschoss ..

 

Der Drud

 

Das tier kennt nicht die scham der mensch nicht dank.

Mit allen künsten lernt ihr nie was euch

Am meisten frommt .. wir aber dienen still.

So hör nur dies: uns tilgend tilgt ihr euch.

Wo unsre zotte streift nur da kommt milch

Wo unser huf nicht hintritt wächst kein halm.

Wär nur dein geist am werk gewesen: längst

Wär euer schlag zerstört und all sein tun

Wär euer holz verdorrt und saatfeld brach ..

Nur durch den zauber bleibt das leben wach.

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