ach, europa II

hier ist vor kurzem schon von der aktualitaet der dichtung ezra pounds die rede gewesen. wenn dieser geniale wirrkopf einen geistesbruder hatte, so war dies bestimmt der dichter, uebersetzer und kulturkritiker rudolf borchardt (1877-1945). ebenso wie pounds, besteht borchardts werk aus einer mischung aus traditionsbewusstsein, selbstherrlichkeit und groessenwahn. ebenso wie pound, ist borchardt ein vertreter einer ganz eigenen form von konservativismus, welche in ihrer versponnenheit niemals mehrheitsfaehig war. interessant ist, dass sich der jude borchardt -bei aller deutschtuemelei- durchaus als europaeer verstanden hat. in seinen schematischen ‚gedanken ueber schicksal und aussicht des europaeischen begriffs am ende des weltkrieges‘, mit welchen er auf hugo von hpfmannsthals rede ‚die idee europa‘ massgeblich wirkte, finden sich stellen, die sich erschreckend deutlich auch auf die aktuelle lage europas beziehen lassen. europa, so heisst es darin, bezieht seine ‚heutige‘

„entstehung nicht aus gewalt der person, sondern als kompromiss zwischen ‚maechten‘, d.h. nationalen egoismen. seine aufgabe ist nicht mehr schoepferischer und ausbreitender natur, sondern hemmender und ‚bewahrender‘, ‚erhaltender‘ und ‚verhindernder‘. europa nicht mehr als integrale ueber den einzelnen komponenten empfunden, sondern als system der lagerung und des rapports der komponenten unter einander. andererseits hat dies system weder codex noch wirkliche exekutive. sobald es ‚vollstrecken‘ will, reissen spaltungen durch die interessen.“

wer hierbei nicht an die aktuellen probleme der s.g. ‚europaeischen union‘ denkt, hat wohl seit langem keine zeitung mehr gelesen. und wer dann noch den folgenden teil des textes zur kenntnis nimmt, wird wohl sofort an die virulente ‚bankenkrise‘ erinnert. fuer borchardt ist die europaeischen einheit vor allem durch das finanzkapital bedroht, dem

„uneuropaeischen und europa nicht kennenden mammon, der nach seinen eigenen vermessenen worten nicht mehr ‚in laendern denkt, sondern in kontinenten‘. (…) er ist das einzige in wahrheit anarchistische der welt, indem er jede ordnung der welt materiell und ideel zu kaufen, jede geistige macht der welt zu ueberbieten sich zutraut.“

wie ist dem entgegenzuwirken? fuer den elitaeren denker borchardt kann eine ’neuerung‘ europas

„nur aus dem individuum kommen, das ein altes heilig frisch erlebt und neu verkuendigt.“

auch wenn uns diese worte heute vielleicht als naive donquijoterie erscheinen, hat borchardt in diesem punkt sicherlich recht: europa wird nur dann leben, wenn sich seine buerger auch als europaeer verstehen und ihre gemeinsame vergangenheit dazu nutzen um die gemeinsame zukunft zu gestalten, denn:

„in diesem sinne (ist) europa von tausenden latenter schlafender molekuele des europaeisch-bewussten vereinzelter durchsetzt“

diese waren fuer borchardt aber durch den 1. weltkrieg

„aufs furchtbarste getroffen, zum teil fuer ihr leben unheilbar.“

es bleibt also zu hoffen, dass heute die erfahrung von zwei weltkriegen zu ihrer wiederbelebung beitraegt.

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2 Antworten zu ach, europa II

  1. Marlon schreibt:

    Super neuer Post! Ich werde da noch mal nachhaken!

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