eros unbound?

jeder wird, sofern er ehrlich mit sich selbst ist, sigmund freud darin recht geben muessen, dass es der eros ist, der den grossteil seiner gedanken beherrscht. wahrscheinlich hat freud aber gleichzeitig auch mit der behauptung recht, dass die meisten errungenschaften der menschheit auf sublimierungstechniken des eros beruhen. beispiele dafuer waeren etwa die erfindung der liebe (durch arabische lyriker, die troubadors und dante) oder das weltweite kulturphaenomen des tanzes. dennoch (oder gerade deswegen) hat es in der geschichte der menschheit immer wieder tendenzen gegeben, welche sich die ‚befreiung‘ von eros und sexus auf die fahnen geschrieben haben. 200 jahre vor einigen zur libertinage neigenden buergersoehnchen der 1968iger generation, hat das adelssoehnchen donatien-alphonse-françois de sade schon alles aufgeschrieben, was man ueber das thema sagen kann. in seinen werken und -in abgemilderter form- in seinem leben, trieb (im wahrsten sinne des wortes) der marquis seine sexuellen exzesse so weit, dass der zum katholizismus neigende charles baudelaire seine moralvorstellung als gegenentwurf zu sade als den natuerlichen menschen schlechthin begruendete: „man muss immer auf de sade, das heisst auf den natuerlichen menschen zurueckgreifen, um das boese zu erklaeren.“ (journaux intimes). wenn die natur des menschen darin liegt, dass sie ihn zum unmoralischen erozentrismus treibt, kann, so baudelaire, das heilmittel nur in der absoluten verkuenstlichung, der ‚vergeistigung‘ des menschen liegen. all jene, die -um mit freud zu sprechen- den menschen sexuell befreien wollen, vergessen daher, dass es nicht der mensch als ganzes ist, den sie damit befreien wuerden, sondern jenes ‚es‘ des sexus, welches das menschsein selbst permanent zu verschlingen droht. sex waere nach dieser vorstellung also etwas, was zur natur gehoert und daher, dem biblischen auftrag nach beherrschung der natur folgend, ebenfalls beherrscht werden muss.

dies ist bis heute das lieblingsargument all jener, deren kulturelles gedaechtnis nur bis zur  bibel zurueckreicht. wer noch weiter zurueckzublicken vermag, wird schnell feststellen, dass sich mit dem menschen, auch seine vorstellung von der sexualitaet als grenzphaenomen zwischen kultur und natur stetig gewandelt hat.

im gilgamesch-epos etwa (aus welchem sich die autoren der bibel reichlich bedient haben, zum glueck gab es damals noch kein urheberrecht) findet sich eine ganz andere sichtweise auf den sexus: dort wird der wilde naturmensch enkidu durch den sex mit einer prostituierten zum zivilisierten buerger und helden. der geschlechtsakt ist hier also eine kulturtechnik und damit das gegenteil von jenem ‚rueckfall ins animalische‘, welcher (noch fuer freud) eng mit dem selbstvernichtungstrieb des menschen einhergehen soll.

baudelaire (und mit ihm seine erben, zu denen etwa der filmemacher lars von trier gehoert) machte vielleicht den fehler, dass er die welt eines de sade (der wohl nicht ganz zu unrecht den grossteil seiner werke in gefaengnissen und irrenhaeusern schreiben musste) als die ’natuerliche welt‘ des menschen an sich ansah und daher das anderen extrem -das  gnostische extrem der reinen geistigkeit- als eine gegen-moral postulierte.

man kann aber durchaus sagen, dass der mensch in seiner geschichte nur da wirklich ‚bei sich‘ war, wo er versucht hat, sein ‚mass‘ zwischen all seinen extremen zu finden. im europaeischen raum waere das also etwa vom antiken griechenland zu behaupten. man erinnere sich daran, dass sophokles in seiner antigone jene zwei chorlieder geschaffen hat, welche zweifellos zu den tiefsten werken der menschheit zaehlen: das eine feiert den menschen selbst in seiner unheimlichen groesse als beherrscher der natur (‚vieles gewaltge lebt,/ und doch nichts gewaltiger denn der mensch…‘), das andere feiert den eros, jene unheimliche groesse der natur, welche den menschen selbst beherrscht:

o eros, allsiegender gott!

o eros, aufstürmer der herden!

der nächtlich der zarten jungfrau

holdselige wangen einnimmt

und schweift in meergründen und durch

wildeste waldhöhlung;

kein unsterblicher gott

entweichet dir jemals,

noch unseres taggeschlechts ein mensch;

und ergriffen, rast er!

du zeuchst in untaten dahin

gerechter rechtlose gelüste.

auch diesen verwandten zwist hier

der männer empörtest du nur.

zum bett der lustreizenden braut

sieget des blicks offne

sehnsucht, welche dem rat

der höchsten gesetze

beithront; und es spielt uns kampflos mit

aphrodites gottheit.

(aus der uebertragung von k.w.f. solger)

anders als die zur einseitigkeit neigenden christlichen moralisten, waren die griechen nicht masslos genug um den eros einseitig darzustellen. er wird hier zwar als der hilfreiche, „allsiegende gott“ gefeiert, doch liegt seine groesse gerade darin, dass er ueber dem menschen steht und diesen damit beherrscht (‚es spielt uns kampflos mit‘).

was bleibt uns also weiterhin uebrig, als zu versuchen dem eros zu huldigen ohne dabei die grenzen des menschlichen zu verletzen? die griechen wussten, dass der mensch das wesen ist, welches genau zwischen tier und gott steht. ein versuch zurueck zu den tieren oder hinauf zu den goettern zu gelangen, wurde als schlimmste hybris angesehen, die sofort bestraft wurde. davon zeugen alle antiken dramen und komoedien.

auch jahrhunderte spaeter konnte der anthropologe helmuth plessner noch einmal feststellen, dass der mensch das ‚grenzwesen‘ ist, welches -um der selbsterhaltung willen- seine (inneren) grenzen schuetzen muss. den launen des eros bleibt er aber, selbst mit den  besten grenzsoldaten ausgestattet, schutzlos ausgeliefert.

neben der ehrfurcht ist dem menschen jedoch ein weiteres mittel gegeben, um sich von sich selbst zu distanzieren und damit zu erhalten: der humor. ihm soll daher auch hier das schlusswort gehoeren:

‚also ich will kein bonobo werden/ das waer mir zu monoton/ wir sollten versuchen menschen zu werden/denn affen sind wir ja schon‘

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