patria o muerte

 

 

 

 

 

 

 

Du kömmst, o Schlacht! schon

 wogen die Jünglinge

   Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal,

      Wo keck herauf die Würger dringen,

         Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer

Kömmt über sie die Seele der Jünglinge,

   Denn die Gerechten schlagen, wie Zauberer,

      Und ihre Vaterlandsgesänge

         Lähmen die Kniee den Ehrelosen.

O nimmt mich, nimmt mich mit in die Reihen auf,

   Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!

      Umsonst zu sterben, lieb‘ ich nicht, doch

         Lieb ich, zu fallen am Opferhügel

Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut

   Fürs Vaterland – und bald ist’s geschehn! Zu euch,

      Ihr Teuern! komm ich, die mich leben

         Lehrten und sterben, zu euch hinunter

Wie oft im Lichte dürstet‘ ich euch zu sehn,

   Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit!

      Nun grüßt ihr freundlich den geringen

        Fremdling und brüderlich ists hier unten;

Und Siegesboten kommen herab: Die Schlacht

   Ist unser! Lebe droben, o Vaterland,

      Und zähle nicht die Toten! Dir ist,

         Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.

diese verse wird man wohl kaum ohne ein ungutes gefuehl lesen koennen. sie stammen aus einem hoelderlingedicht mit dem bezeichnenden titel "der tod fuers vaterland". nicht nur literaturspiesser wie marcel reich-ranicki haben die deutschtuemelden tendenzen in des dichters werk verurteilt, auch uns nachgeborenen wird dieses gedicht -sofern wir keine glatze, springerstiefel und gehirnlosigkeit aufweisen- wahrscheinlich abstossend erscheinen. das ganze verweist zu stark auf das grauen der unmittelbaren zeitgeschichte, in welcher im namen des "vaterlandes" so unsaegliches leid ueber die welt gebracht wurde.

 tatsaechlich hat man hoelderlin auch schon im ersten weltkrieg fuer die kriegsbewusstseinsindustrie zu vereinnahmen versucht. so manch idealistischer juengling aus der jugendbewegung ist mit dem "hyperion" im tornister ins feld gezogen und mit einem hoelderlinvers auf den lippen (sofern er im maschinenkrieg noch eine gelegenheit dazu hatte) gestorben. waehrend der nazizeit, in der die bewusstseinsindustrie ihren totalitaeren (noch heute wirksamen) charakter bekam, wurden diese vereinnahmungsversuche weiter ausgebaut. so gibt es in dem filmischen propagandamachwerk "stukas" (von 1941) eine szene, in der ein luftwaffenoffizier einen teil des hoelderlingedichtes rezitiert. das ganze wird von elegisch-kitschiger hintergrundmusik getragen und der bildungsbuerger in uniform skandiert bei seiner darbietung den takt der verse mit seiner abgenommenen brille auf laecherliche oberlehrerweise (hier zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=Ax2ew5QVnpg). das gedicht zeigt seine wirkung und man ist wieder bereit sich heroisch in neue verbrechen fuer das vaterland zu stuerzen.

 schliesslich ist zauberland dann abgebrannt. schuld daran hatte vor allem hatte vaterlaendische propaganda, welche die deutschen gehirne auf untergang und vernichtung prograniert hatte. auch die tendenzen, die schon vor der machtueberlassung an die nazis in diese richtung gewirkt hatten und von diesen dann aufgegriffen weurden, trugen ihren teil dazu bei. treagt also auch hoelderlin eine mitschuld?

wir wollen es uns nicht zu einfach machen! betrachten wir zuerst einmal den beruehmten "historischen kontext" des ganzen. nehmen wir dazu ein gedicht aus hoelderlins unmittelbarer zeit: "zu den waffen, bürger!/schließt die reihen,/vorwärts, marschieren wir!/das unreine blut tränke unserer aecker furchen!" und "heilige liebe zum vaterland,/führe, stütze unsere rächenden arme./freiheit, geliebte freiheit,/kämpfe mit deinen verteidigern!". diese zeilen wurden 1792 von claude joseph rouget de lisle gedichtet und werden noch heute als die franzoesische nationalhymne, die "marseillaise", gesungen.

man mag nun mit einiger berechtigung sagen: "na und? das ist doch die selbe stupide und martialische todessehnsucht. die franzosen sind halt auch nicht viel besser und im namen der revolution wurden ebenfalls verbrechen begangen." das stimmt zwar, aber dennoch muss festgehalten werden, dass sich die kampfbereitschaft der marseillaise explizit gegen die "tyrannen und niedertraechtigen" ("tyrans et perfides") und die auslaendischen soeldnerscharen ("ces phalanges mercenaires") richtet. das lied entstand in einer zeit, in der die errungenschaften der revolution -und die republik als ganzes- staendig von reaktionaeren maechten im in- und ausland bedroht wurden. mit dem "vaterland" sind hier die republikanische demokratie und die universellen menschenrechte gemeint. hier ist ein anderes "vaterland" als das der nazis gemeint: das vaterland der freiheit, gleichheit und bruederlichkeit. 

wer sich etwas in hoelderlins werk auskennt wird feststellen, dass in dem hier zitierten gedicht ebenfalls dieses "vaterland" gemeint ist. man lese dazu nur einmal hoelderlins dramenfragment "der tod des empedokles", in welchem sogar der natur ein republikanisches prinzip zugeschrieben wird. zwar hat hoelderlin sich spaeter mit den worten "ich will kein jakobiner mehr sein" vom terror der franzoesischen revolutionaere abgewandt, doch anders als seine stiftsgenossen hegel und schelling ist er immer seinen republikanischen idealen treu geblieben.

 im strengen gericht der nachgeborenen muss hoelderlin also freigesprochen werden! er kann zumindest nicht zusammen mit den nazis verurteilt werden!   

man sollte bei der sache auch niemals vergessen, dass die nazis mit ihrer "philosophie fuer schweinezuechter" (carlo schmid) niemals irgendeine ahnung vom irgendetwas hatten. das einzige was sie konnten war hoeheres zu verwursten. haetten sie sich aufmerksamer mit hoelderlin beschaeftigt, waere sogar ihnen hoechst wahrscheinlich klar geworden, dass der dichter nicht nur nicht in ihre ideologie passt, sondern ihr absolut feindlich gegenuebersteht.

auch ernesto "che" guevara, dem man, bei aller kritik, nicht vorwerfen kann ein nazi gewesen zu sein, hat viele seine reden mit dem ausspruch "patria o muerte" beendet (http://www.youtube.com/watch?v=y1gX5NzBeIQ). auch er hat damit kein imperiales oder chauvinistisches land wie nazideutschland gemeint, sondern das ideal einer befreiten bevoelkerung.

hoelderlins eigener patriotimus dagegen ist im laufe seines lebens immer leiser geworden. in einem ganz spaeten fragment finden sich die verse:

einst hab ich die muse gefragt, und sie
antwortete mir
am ende wirst du es finden.
kein sterblicher kann es fassen.
vom höchsten will ich schweigen.
verbotene frucht, wie der lorbeer, aber ist
am meisten das vaterland. die aber kost’
ein jeder zulezt,

sofern wir noch nicht in einer wirklich freien gesellschaft leben, ist uns allen nur dieser leise und auf die zukunft verweisende patriotismus angemessen.

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Eine Antwort zu patria o muerte

  1. Christian Ebert schreibt:

    Anregung von Bertaux: Hölderlins Vaterland als Revolution von Landesvater lesen.

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