ach, europa!

dem griechischen volke

(„selber hast du aufgeladen dir der knechtschaft schweres joch,
selber hast du es getragen, und du trügst es heute noch,
hättest du darauf gewartet, hochgelobtes griechenland,
daß es dir vom nacken sollte heben eine fremde hand.“ wilhelm mueller)

die deutsche lyrik nach 1945 begann ganz im zeichen des europaeischen geistes. 1952 erschien george forestiers „ich schreibe mein herz in den staub der straße“. der schmale band wurde ein gefeierter bestseller. die nachkriegsgeneration wollte sich in dem sensiblen und welterfahrenen forestier, ueber den es nur spaerliche informationen gab und der 1951 in den wirren des indochinakrieges verschwand, mit freude wiedererkennen. hier dichtete ein deutsch-franzoesischer ss- und fremdenlegionssoldat, der dem idealbild des aristokartischen soldaten entsprach: lyrisch, heroisch, humanistisch, europaisch. in seinem lied fuer europa heisst es:

Horch auf dein herz:

europa stirbt nicht.

es kann nicht sterben,

solange du es liebst.

so weit -so kitschig. das problem ist nur: george forestier hat es nie gegeben. er ist die erfindung des schriftstellers karl emerich krämer (1918-1987), der auch die sentimetal-schlagerhaften verse -an des soldatendichters statt- fabriziert hat. verse, ueber die michael buselmeier urteilte:

„krämer war ein zwar geschäftiger, gerissen kalkulierender, aber nicht besonders talentierter, unpoetischer, halbgebildeter schreiber, der mit schiefen metaphern hantierte und aus motiven wie einsamkeit, große weite welt, käufliche liebe und alkohol ein trübes gebräu anrührte, das weniger an den bewunderten späten benn als an freddy quinns  etwa gleichzeitig entstandene erfolgsschlager wie brennend heißer wüstensand erinnert“

auch heinz piontek verurteilte (noch bevor die wahre identitaet forestiers aufgedeckt wurde) die „sexualität des landsknechts“, die immer wieder zwischen den zeilen der gedichte hindurchlechzt. als forster/kraemer den verlag wechseln wollte, spielte der diederichs-verlag, bei dem die erfolgsbaende bis dato erschienen waren, nicht mehr mit: er enthuellte das geheimnis um den „deutschen rimbaud“ (stefan andres). es kam zum skandal; die generation der kriegsheimkehrer verzieh es kraemer nicht, dass er sie um ihre sehnsuechte betrogen hatte. man verurteilte ihn zur zukuenftigen erfolglosigkeit.

diese episode der deutschen nachkriegsliteratur zeigt, wie stark damals das beduerfnis nach (fiktionalen) identifikationsfiguren war. die grausame vergangenheit des landes und die verbrechen, an denen sich ein grossteil der bevoelkerung beteiligt hatte, wollte man nur „schoengedichtet“ serviert bekommen oder zumindest wollte man an oasen der ideellen reinheit in der totalitaet des faktischen grauens glauben koennen. man suchte krampfhaft nach einer falschen erinnerung und wollte sich damit mnemonyne (die goettin der erinnerung) zur poetischen hure machen. im falle forestiers ist dieser versuch gescheitert.

heute mutet uns dieses scheitern fremd an. kraemer war, wie buselmeier festellt, ein „gerissen kalkulierender“ geschaeftsmann. jedoch war er damit auch eine art prometheus des heutigen kulturmanagertums. ueber seine strategie sagte er offen: „ich gehöre einer generation an, die genau weiß, was managertum ist. deshalb forestier statt förster. ein neuer verlegertyp ist im kommen, der sich bei jedem buch fragt: kann ich das verkaufen, um mein geld wieder hereinzukriegen, oder nicht.“

mit diesen prophetischen worten sind wir nun ganz im heutigen europa. europa muss sich heute, in zeiten seiner permanenten identitaetskriese fragen, ob es sich durch sein „identitaetsmanagment“ eine eigene geschichte heranluegen will oder ob es sich -wie es heidegger und hoelderlin versucht haben- aus der realen vergangenheit einen neuen anfang stiften kann. moege mnemosyne uns diesmal gnaedig sein!

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