botschaft

patriotischer dichtung – so sollte man meinen – haftet immer etwas laecherliches an; man denkt unwillkuerlich an gleichschrittsjamben, blut-und- boden- lyrik und kriegstreibermetrik. doch niemand (der sinn fuer verse hat) wird fernando pessoas „mensagem“ ohne ruehrung aus der hand legen koennen. niemand wird sich beim lesen nicht wuenschen, zu dem volk der portugiesen zu gehoeren, dessen fahne hier besungen wird. um kein missverstaendnis aufkommen zu lassen: es ist nicht das reale portugal, dem der dichter hier huldigt, es ist eine poetische vision von portugal, ein traum von portugal, ein nicht existierendes land: „o mytho é o nada que é tudo“ (der mythos ist das nichts, das alles ist).

jede nation, jedes volk, jede identitaet gruendet letzendlich auf mythen, geschichten und fiktionen. doch diese mythen sind, wie es gleich im ersten vers heisst, „nichts und alles“. der mensch lebt halb in der natur, halb in der sphaere, die wir „geschichte“ nennen. aus der natur kann er wegen seiner leiblichkeit nicht heraustreten, der geschichte kann er wegen seines geistes nicht entkommen. geschichte ist aber, wie theodor lessing sagt, „sinngebung des sinnlosen“, fiktion, poesie.

gegen die wirklichkeit des hier gefeierten, poetischen portugals, steht die wirklichkeit der realitaet. gegen das glorreiche portugal der entdecker, dichter und helden, steht des portugal der sklavenhaendler, moerder und landdiebe. letztere sind in pessoas werk nicht genannt (oder wenn doch zu medien des weltgeistes emporgehoben). man sagt zwar den portugiesen nach, dass sie eher in der sehnsucht („fado als volksseele“), denn in der wirklichkeit zu hause sind, doch tut man pessoa unrecht, wenn man ihn mit seinem heteronym bernardo soares -dem tatenlosen, von taten angeekelten hilfsbuchhalter- gleichsetzt. auch der poesie tut man unrecht, wenn man sie einfach ins unwirkliche abschiebt: „assim a lenda se escorre/a entrar na realidade,/e a fecunda-la decoore (und so versiegt die sage/beim eintritt in die wirklichkeit/befruchtet sie und stirbt selbst ab) das reale portugal der gegenwart wurde vom fiktiven portugal der poesie geschaffen. ohne die sage bleibt dessen zukunft un-sagbar. ohne den traum bleibt der mensch nichts als ein tier mit bausparvertrag.

europa -denn wer spricht noch von nationen- hat heute keinen traum mehr.

europa heute, hat keinen pessoa.


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