hoeherer schwindel II

„dichtung ist und bleibt ein, wenn auch hoeherer, schwindel. ich lege wert darauf, das zum ersten mal ausgesprochen zu haben. menschen gestalten, heißt: sie faelschen.“

so wurde der dadaistische dichter walter serner hier schon an anderer stelle („hoeherer schwindel I“) zitiert. das problem, welches serner anspricht, ist nicht nur ein poetisches, sondern auch ein anthropologisches. nicht nur der versuch den menschen zu gestalten muss als „schwindel“ aufgefasst werden, auch die bestimmung des menschen, seine zurueckfuehrung auf ein bestimmtes wesen, kann, nach den erkenntnissen der modernen anthropologie, nur auf einen schwindel hinauslaufen. der grosse philosoph helmuth plessner hat gezeigt, dass der mensch als das „nicht festgelegtes tier“ (nietzsche) gerade durch seine essenz-losigkeit, seine nicht endgueltig auf eine formel zu bringende eigentuemlichkeit zu definieren ist. weder ist der mensch nur sein koerper, noch kann er als rein geistiges wesen betrachtet werden. er ist vielmehr die schnittstelle zwischen beiden, der nicht festzulegende ort, wo beide aufeinanderstossen und sich nicht in eins aufloesen koennen. alle anderen bestimmungen des menschen (seien diese nun christlich, rassistisch, marxistisch oder humanistisch) sind nichts als historismen ohne ewigkeitsanspruch, reine faelschungen. der mensch kann also, da er keine eigene wahrheit besitzt, nur als faelschung beschrieben werden.

aehnliches hat auch michel foucault gesehen wenn er ueber den humanismus (als die scheinbar menschenfreundlichste bestimmung des selben) schreibt:

„tatsaechlich hat die menschheit keine zwecke. sie funktioniert, sie kontrolliert ihr funktionieren und bringt staendig rechtfertigungen fuer diese kontrolle hervor. wir muessen uns damit abfinden, dass es nur rechtfertigungen (d.h. keine wahrheiten) sind. der humanismus ist nur eine von ihnen, die letzte.“

wie foucault richtig bemerkt, ist der menschen immer auch an eine -von aussen kommende- definitionsmacht gebunden, welche ihn auf ein bestimmtes wesen hin zu normieren versucht. im menschen selbst finden sich dagegen „keine wahrheiten“, aus denen heraus er ueber sich sperechen koennte ohne zu luegen, oder einen teil einer (nicht gewussten und nicht zu wissenden) wahrheit verschweigen zu muessen.

laeuft also alles auf einen anthropologischen nihilismus hinaus? das wuerde es wohl, wenn man den menschen -ohne ihn zwanglaeuftig damit bestimmen zu wollen- nicht als einen spielenden, als homo ludens begreifen wuerde. identitaet kann, trotz (oder wegen) ihrer beliebigkeit und wesenlosigkeit, als ein -ernstes- spiel gesehen werden. der mensch treagt zwar, wie es bei buechner heisst, nichts als einen abgrund in sich, bei dem es einem schwindelt, wenn man hineinsieht, doch dieser abgrund gehoert zu ihm, ist sein anfang und der ort, an dem er zu spielen gezwungen ist. die hoechste form dieses spiels ist serners „hoechster schwindel“: die dichtung. hoelderlin, der wie kein anderer vor ihm, im wahrsten sinne des wortes, „das tiefste gedacht hat“, wusste dies, als er dichtete:

vom abgrund naemlich haben wir angefangen

und sind gegangen dem leuen gleich,

in zweifel und aergernis…

„in zweifel und aergernis“ sucht der mensch nach sich, kann sich nicht finden und schafft sich dabei doch immer wieder selbst. auf immer wieder neue weise.

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