ewige heimat: mare nostrum

„ich habe das mittelmeer leidenschaftlich geliebt, vermutlich weil ich – wie so viele andere und nach so vielen anderen – aus dem norden kam.“ mit diesem bekenntnis beginnt fernand braudels hauptwerk das mittelmeer und die mediterrane welt in der epoche philipps II. braudel, der zur „annales-schule“ gehoerende historiker, reiht sich damit in jene tradition der sehnsucht nach dem sueden ein, in der auch die groessten, fern des mare nostrum geborenen, deutschen dichter seit jeher stehen. was waere etwa aus einem goethe ohne sein italienerlebnis und aus einem hoelderlin ohne sein idealisiertes griechenland und sein real erlebtes frankreich geworden? als goethe in sein weimarer provinznest zurueckkehrte, stellte er fest, dass er, seitdem er den sueden verlassen hatte, wohl „nie mehr ganz glücklich sein werde“. hoelderlin verfiel nach -oder waehrend- seiner ueberstuerzten abreise aus bordeaux dem wahnsinn. fuer beide blieben jedoch ihre reisen praegend fuer die darauf folgenden werke.

wie schon braudel in seinem meisterwek zeigt, bedeutet das mittelmeer viel mehr als die kulturelle heimat aller europaer und nordafrikaner, es bedeutet auch eine eigene denkungsart, ein ort von eigenen, dauerhaften werten. albert camus hat dies in der mensch und die revolte zu formulieren versucht. das mittelmeerische denken („la pensée de midi“), so schreibt er sinngemaess, ist vor allem ein massvolles denken, ein gegen jegliche form von extremismus gerichtetes, dafuer aber dem menschen und der natur nahestehenden denken.

„es sei um mittag oder es gehe / bis in die mitternacht, immer bestehet ein maas“

mit diesen versen aus seiner grossen elegie „brod und wein“, hat auch der zwischen den extremen hin-und-her gerissene hoelderlin sein grundvertrauen in „das maas“ der natur ausgesprochen. hoelderlin steht camus in vieler hinsicht genau so nah, wie der mit letzterem eng befreundete rené char, der ebenfalls ein dichter der mittelmeerischen welt war. alle drei koennen als „dichter des masses“ bezeichnet werden (womit jedoch keineswegs eine buergerlich-bequeme tugend der genuegsamkeit gemeint ist, waren doch alle drei auch die dichter der revolte).

fernand braudel wiederum hat in seinem historischen grosswerk mit der idee der „longue durée“ (etwa: „langen dauer“) nicht nur ein wissenschaftliches paradigma aufgestellt, sondern auch den genius loci des mittelmeeres bezeichnet. er meint damit die dortige konstanz einer „träge dahinfliessende geschichte, die nur langsame wandlungen kennt, in der die dinge beharrlich wiederkehren und die kreislaeufe immer wieder neu beginnen“. das mittelmeer, so schreibt er weiter, „war spender, vermittler, ueberlegene kraft, seine lehren, seine lebensart, sein geschmack wurden weit entfernt von seinen ufern massgebend.“

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