weltlosigkeit und dichtung

in seiner abhandlung der mensch und die technik, die in ihrem duktus -wie es seinem gesamten werk eigentuemlich ist- zwischen beeindruckender sprachgewalt und raunender peinlichkeit hin und her schwankt, kritisiert oswald spengler die weltfremde haltung des deutschen bildungsbuergertums:

auf der einen seite waren es die idealisten und ideologen, die nachzügler des
humanistischen klassizismus der goethezeit, welche technische dinge und wirt-
schaftsfragen überhaupt als außerhalb und unterhalb der kultur stehend ver-
achteten. goethe in seinem großen sinn für alles wirkliche hatte im zweiten faust
versucht, in die tiefsten tiefen dieser neuen tatsachenwelt einzudringen. aber
schon bei wilhelm von humboldt beginnt die wirklichkeitsfremde, philologische
ansicht der geschichte, wonach man schließlich den rang einer historischen epo-
che an der menge von bildern und büchern abzählte, die damals entstanden
waren. ein herrscher besaß nur dann bedeutung, wenn er sich als mäzen
bewährte. was er sonst noch war, kam nicht in betracht. der staat war eine
beständige störung der wahren kultur, die in hörsälen, gelehrtenstuben und ate-
liers vor sich ging, der krieg eine unwahrscheinliche barbarei aus vergangenen
zeiten und die wirtschaft irgend etwas prosaisches und dummes, über das man
hinwegsah, obwohl man es täglich in ansprach nahm. einen großen kaufmann
oder ingenieur neben dichtern und denkern zu nennen war beinahe majestätsbe-
leidigung gegenüber der „wahren“ kultur. Man sehe sich daraufhin jakob burck-
hardts „weltgeschichtliche betrachtungen“ an. aber das war der standpunkt der
meisten kathederphilosophen und selbst vieler historiker bis herab zu den litera-
ten und aestheten heutiger großstädte, welche die anfertigung eines romans für
wichtiger halten als die konstruktion eines flugzeugmotors.

obwohl er goethe ausdrucklich davon ausnimmt, bedient sich spengler hier dem klischee des deutschen als wolkenkuckucksheimbewohner. auch liberalere geister wie thomas mann (etwa in seiner rede deutschland und die deutschen) und helmuth plessner (in die verspätete nation) haben -wenn auch aus voellig anderen, spengler sogar entgegengesetzten gruenden- den deutschen weltlosigkeit und weltfremdheit vorgeworfen. deutschland: das land der dichter und denker, der traeumer und schlaefer. aus sicht des auslandes war es  die baronin anne louise germaine de staël-holstein, die in ihrem werk de l’allemagne von 1813 den deutschen ihre wohnstatt in den wolken der spekulation und metaphysik zugewiesen hat. doch durch bismarck, willhelm II und hitler wandelte sich das bild: nun galten die teutonen (und das nicht zu unrecht) als saebelrasselnde barbaren. nur das bildungsbuergertum kuemmerte sich nicht darum:  nach allen katastrophen fluechtete man sich wieder in die heile welt des kunstidealismus. thomas mann sieht diese unheilvolle entwicklung im protestantismus begruendet: luthers zwei welten lehre schuf eine unueberbrueckbare diskrepanz zwischen wirklichkeit und ideal, die zur absoluten weltlosigkeit und masslosigkeit fuehren musste. deutschland vergass seine geistige teilhabe am mittelmeerischen geist und wurde zum sonderfall.

nehmen wir als beispiel jenen dichter, der als der weltfremdeste, der deutscheste gilt: friedrich hoelderlin. in seinem hyperion spricht sein gleichnamiger held zu seinem freund alabanda:

…du räumst dem staate denn doch zu viel gewalt ein. er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. was aber die liebe gibt und der geist, das läßt sich nicht erzwingen. das laß er unangetastet, oder man nehme sein gesetz und schlag es an den pranger! beim himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den staat zur sittenschule machen will. immerhin hat das den staat zur hölle gemacht, daß ihn der mensch zu seinem himmel machen wollte.

es ist nicht der staat („die mauer um den garten“) von dem hyperion heilung erwartet, es ist die „von oben“ gestiftete, kommende, „neue kirche“:

…aber was hilft die mauer um den garten, wo der boden dürre liegt? da hilft der regen vom himmel allein. o regen vom himmel! o begeisterung! du wirst den frühling der völker uns wiederbringen. dich kann der staat nicht hergebieten. aber er störe dich nicht, so wirst du kommen, kommen wirst du, mit deinen allmächtigen wonnen, in goldne wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die sterblichkeit, und wir werden staunen und fragen, ob wir es noch seien, wir, die dürftigen, die wir die sterne fragten, ob dort uns ein frühling blühe – frägst du mich, wann dies sein wird? dann, wann die lieblingin der zeit, die jüngste, schönste tochter der zeit, die neue kirche, hervorgehn wird aus diesen befleckten veralteten formen, wann das erwachte gefühl des göttlichen dem menschen seine gottheit, und seiner brust die schöne jugend wiederbringen wird, wann – ich kann sie nicht verkünden, denn ich ahne sie kaum, aber sie kömmt gewiß, gewiß. der tod ist ein bote des lebens, und daß wir jetzt schlafen in unsern krankenhäusern, dies zeugt vom nahen gesunden erwachen. dann, dann erst sind wir, dann ist das element der geister gefunden!

doch wuerde es zu kurz greifen, hoelderlin als pietistischen wirklichkeitsverweigerer darstellen zu wollen. die forschung hat ihn gott sei dank schon seit laengerem davon befreit. es war nicht zuletzt heidegger der (obwohl er ihn sonst in seinen interpretationen eher verdunkelt hat) dazu beitrug, hoelderlin aus dem elfenbeinturm des wesenlosen idealismus zu befreien. dass heidegger dabei selbst alles andere als ein stumpfer materialist war, zeigt sich an seiner auseinandersetzung mit der beruehmten feuerbachschen these:


im marxschen sinne ist heidegger also ein idealist geblieben. doch was heisst das eigentlich? heidegger war davon ueberzeugt, dass der dichter die wirklichkeit „stiftet“. die kunst (er-)oeffnet die welt, erst dann kann der mensch sie bewohnen. die wahre poesie steht also nicht ueber oder gar jenseits der welt, sondern macht diese erst als solche erkennbar.

stefan george hat dies zum thema eines gedichtes gemacht:

das wort

wunder von ferne oder traum
bracht ich an meines landes saum

und harrte bis die graue norn
den namen fand in ihrem born –

drauf konnt ichs greifen dicht und stark
nun blüht und glänzt es durch die mark…

einst langt ich an nach guter fahrt
mit einem kleinod reich und zart

sie suchte lang und gab mir kund:
„so schläft hier nichts auf tiefem grund“

worauf es meiner hand entrann
und nie mein land den schatz gewann…

so lernt ich traurig den verzicht:
kein ding sei wo das wort gebricht


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Eine Antwort zu weltlosigkeit und dichtung

  1. Aurel Thun schreibt:

    Wohl wahr! Was die Liebe gibt und was der Geist, das kann der Staat nicht erzwingen. Jedoch: Unterlagen nicht die Verkörperer der Liebe und des Geistes in ihrem Kampf gegen den Staat? Che Guevara, der Krieger des Geistes und der Liebe, der Soldat Lateinamerikas, des Kontinents des Lebens, fiel er nicht im Kampf gegen die seelenlose Materie Angloamerikas? Wohl wurde er zum Symbol. Doch der letzte Sieg ist noch nicht erfochten. Wird er ohne das Gefüge der Macht, das ein Staat ist, möglich sein?

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