george von links

niemand wird wohl stefan george einen „linken“ dichter nennen wollen. er wird nicht zu unrecht oftmals als der antipode von bert brecht bezeichnet und dem umfeld der s.g. „konservativen revolution“ zugeordnet. nicht nur durch seine bekanntschaften und freunde, seine ueberlieferten sprueche zu weltlage und politik, auch in seiner dichtung selbst finden sich eine vielzahl an stellen, die ihn zumindest als konservativen, wenn nicht sogar als reaktionaeren dichter erscheinen lassen. so spricht er etwa in dem gedicht „der dichter in zeiten der wirren“ von einem kommenden „jungen geschlecht“ welches den „seichten sumpf erlogner bruederei“,  ueberwinden wird und spielt damit offensichtlich auf die traditionell linke idee der „menschheitsverbruederung“ an. im selben gedicht fallen auch die mehr oder weniger eindeutig konnotierten begriffe „voelkisches banner“ und „neues reich“ -kurz: man ist geneigt all jenen beizuflichten, die ihn als proto- oder krytofaschisten bezeichnet haben.

die aktuelle forschung zu george hat allerdings gezeigt, dass sich der schwierige dichter jeder schwarz-weissen darstellung entzieht. so haben neben geobbels, einigen edelnazis und den bruedern stauffenberg auch walter benjamin, adorno und teile der linken jugendbewegung george gelesen und rezepiert. und dies nicht nur in form von ablehnenden kritiken. walter benjamin war zum beispiel bis an sein lebensende ein begeisterter leser des dichters, der ganze passagen aus dessen werk auswendig hersagen konnte. man wird dies nun vielleicht als das geistige gepaeck des buergertums bezeichnen koennen, welches auch die buergersoehne benjamin und adorno mit sich herumtrugen. doch dies waere zu kurz gegriffen. benjamins ambivalente einstellung zum georgekreis spiegelt sich etwa im titel seiner kommerell-rezension wieder , dieser lautet: „wider ein meisterwerk“. adornos begeisterung fuer george hat sicherlich mit seiner liebe zur inkomensurablen dichtung des symbolismus zu tun, welche sich fuer den philosophen ausserhalb -und damit gegen- die kapitalistische kulturindustrie verhielt . auch die nachfolgenden generationen der linken intellektuellen standen george nicht einfach nur ablehnend oder polemisierend gegenueber, so berichtet ulrich raulff in seinem buch ueber georges wirkungsgeschichte, dass adornos lieblingsschueler, der bekannte studentenaktivist der 68er-bewegung hans-juergen krahl stehts einen band george in einer plastiktuete mit sich herumtrug. alles nur, weil auch die 68. nichts anderes die aufmuepfige kinder des bildngsbuergertums waren, deren eigentliches klassenbewusstsein stets im hintergrund virulent blieb?

„so dacht ich. naechstens mehr…“


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2 Antworten zu george von links

  1. luna schreibt:

    als ehemals lieblingsschüler adornos wollt sich der krahl bestimmt nur einschleimen bei seinem maestro! und die „68er“ sind ja auch nicht gerade die bestechenste referenz mit ihren teils neoromantischen und antisemitischen tendenzen – und überrascht, dass gerade du sie anführst!

  2. gastonfebus schreibt:

    eine formlose – und in die formlosigkeit fuehrende – romantik ist zwar nicht mein fall, aber was ist schon das leben ohne „den zauber, der es wach haelt“ (frei nach george)?
    der unlautere anti-antisemitismus und der unehrliche philosemitismus („du sollst völker weder lieben noch hassen“ nietzsche) ist mir in seiner verkrampft- und abstraktheit eine zu deutsche angelegenheit. dafuer sind mir denker wie wolfskehl und benjamin dann doch wichtiger als broder, wertmüller und konsorten. die groessten koepfe waren nicht antisemitisch und jeder klare sollte es auch nicht sein. punktum. uebrigens schreibt raulff von einer georgerezeption im jungen israel. ueberrascht?

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