gespräch mit mnemosyne

mnemosyne:  ich komme von öderen orten, von verdüsterten und unmenschlichen schluchten, wo sich das leben denoch aufgetan hat. zwischen diesen ölbäumen und unter dem himmel kennt ihr jenes los nicht. hörtest du je, was das moor boibeis ist?

hesiod:  nein.

mnemosyne:  eine neblige heide von schlamm und von röhricht, wie sie am anfang der zeiten, in einer gurgelnden stille. sie erschuf ungeheuer und götter aus kot und blut. die thessalier sprechen noch jetzt kaum davon. weder zeit noch geschehen ändern sie je. es gelangt keine stimme dorthin.

hesiod:  doch inzwischen, melete, sprichst du von ihr und hast ihr ein göttliches schicksal verliehen. deine stimme hat sie erreicht. nun ist sie ein fruchtbarer und geheiligter ort. die ölbäume und der himmel des helikon sind nicht das ganze leben.

mnemosyne:  aber ebensowenig der verdruß, die rückkehr zu den häusern. begreifst du nicht, daß der mensch, jeder mensch, in jenem moor von blut zur welt kommt? und daß auch euch das heilige und das göttliche begleiten, im bett, auf dem feld, vor der flamme? jede eurer gebärden wiederholt ein göttliches vorbild. weder bei tag noch bei nacht habt ihr ein nu, nicht einmal den flüchtigsten, der nicht der stille des ursprungs enströmte.

aus: pavese, cesare: gespräche mit leuko. übertragen von cathrina gelpke. hamburg, 1958.

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