über die sehnsucht II

Zornige Sehnsucht

Ich duld es nimmer! ewig und ewig so

   Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter

      Die kurzen, vorgemeßnen Schritte

         Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!

Ists Menschenlos – ists meines? ich trag es nicht,

   Mich reizt der Lorbeer, – Ruhe beglückt mich nicht,

      Gefahren zeugen Männerkräfte,

         Leiden erheben die Brust des Jünglings.

Was bin ich dir, was bin ich, mein Vaterland?

   Ein siecher Säugling, welchen mit tränendem,

      Mit hoffnungslosem Blick die Mutter

         In den gedultigen Armen schaukelt.

Mich tröstete das blinkende Kelchglas nie,

   Mich nie der Blick der lächelnden Tändlerin,

      Soll ewig Trauern mich umwolken?

         Ewig mich töten die zornge Sehnsucht?

Was soll des Freundes traulicher Handschlag mir,

   Was mir des Frühlings freundlicher Morgengruß,

      Was mir der Eiche Schatten? was der

         Blühenden Rebe, der Linde Düfte?

Beim grauen Mana! nimmer genieß ich dein,

   Du Kelch der Freuden, blinkest du noch so schön,

      Bis mir ein Männerwerk gelinget,

         Bis ich ihn hasche, den ersten Lorbeer.

Der Schwur ist groß. Er zeuget im Auge mir

   Die Trän, und wohl mir, wenn ihn Vollendung krönt,

      Dann jauchz auch ich, du Kreis der Frohen,

         Dann, o Natur, ist dein Lächeln Wonne.

auch hölderlin behandelt in diesem frühen gedicht die sehnsucht. jedoch ist es auch hier die sehnsucht nach „vollendung“, die das lyrische ich aus den dürftigen verhältnissen der gegenwart herausreisst und danach trachten lässt, diese zu verändern. sie ist kein unbestimmtes gefühl, sondern ganz auf ein ziel – dem erlangen des „lorbeers“ – gerichtet. dieses ziel ist auf der erde zu erlangen und wird nicht jenseits von ihr erhofft. die sehnsucht ist „zornig“, weil sie einen stachel besitzt, der alles müde, schlaffe, träge zur vollendung treibt.

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